| „Die Sprache brechen, um das Leben zu berühren. Schluß machen
mit allen Gegensätzen. Kunst und Leben, Bewußtsein und Körper,
Zeichen und Bezeichnetes nicht mehr unterscheiden. Unter der Grammatik
liegt das Denken Begraben. Den Körper zur Hieroglyphe machen, zum
Schauplatz einer Artikulation vor den Wörtern: der Geste, des Atems,
des Schreis; Die Nerven, die Haut die Knochen sprechen lassen. Sich selbst
erzeugen, im narzißtischen Wüten gegen alle genealogischen,
sozialen, religiösen Zuschreibungen: Ich Antonin Artaud, ich bin mein
Sohn, mein Vater, meine Mutter, und ich selbst".
Antonin Artaud |
Uri Bülbül: Eine Bühne für Artaud |
Daß der Mensch was lernen muß. [...] Nicht allein in Rechnungssachen Soll der Mensch sich Mühe machen; Sondern auch der Weisheit Lehren Muß man mit Vergnügen hören. Daß dies mit Verstand geschah, War Lehrer Lämpel da. (Wilhelm Busch,
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Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel |
| „Gelogen! Das ist alles gelogen! Nichts von alldem
Gesagten ist wahr!“ So ruft jemand, der tief an die Existenz einer Wahrheit
-einer aussprechbaren Wahrheit!- glaubt und tiefen Schmerz darüber
empfindet, daß dies in den getätigten sprachlichen Äußerungen
nicht geschieht. Nur wer erwartet, kann enttäuscht werden. Ich dagegen
kann niemandem vorwerfen zu lügen. Selten nur ist die Täuschungsabsicht
so vordergründig, daß sie den Namen „Lüge“ verdient. Die
Maskerade des Theaters, in der sich alle anders geben als sie sind, in
der sie in Rollen schlüpfen, in Kostüme und hinter der Schminke
ihre Gesichtszüge in andere verwandeln -diese Maskerade des Theaters
ist wider Erwarten weit davon entfernt, eine Lüge sein zu wollen.
Hamlet engagiert eine Theatertruppe und läßt sie die Wirklichkeit
nachspielen (Mimesis), um entlarvende Reaktionen beim heimlichen Mörder
seines Vaters auszulösen (Katharsis) und ihn dadurch mit Gewißheit
zu überführen. Experiment, Beobachtung, Beweis. Das dionysische
Spiel wird aufklärerisch investigativ rationalisiert, die satyrischen
Gestalten werden arbeitslos. Und plötzlich erhebt sich die Bühne
zur moralischen Lehranstalt. Die Literatur didaktisiert und entmystifiziert,
leugnet die Magie der Sprache, das Fleischwerden des Wortes und Wortsein
des Fleisches. Das Wort wird in den Keller des logischen Kalküls gestoßen,
der Begriff wird zum Fetisch mit all seinen Grenzen und Erweiterungen und
Einengungen und Schnittmengen mit anderen Begriffen, Definitionen, Kategorien,
Ab- und Umleitungen -da ist kein Fleisch mehr, das Wort sein kann, das
Lust sein kann, das als Zauberspruch Wesen erwecken oder bannen kann, heilen
oder verhexen! Das Wort ist in seiner analytischen Phase. Die Welt ist
durch das Nadelöhr braver syllogistischer Rationalität geschlüpft,
die Gesellschaft ein Vertragswerk geworden, von dem niemand sagen kann,
wann denn bitte schön die freischwebenden Individuen hätten dieses
schließen sollen. Der Mensch kann nunmehr mit dem Rechenschieber
und später weitaus perfekter, schneller, perfider, luizidaler mit
dem Computer durch die Welt geschubst werden und immer in den Tod. Das
Individuum erreicht in seinem Begriff ein Höchstmaß an Freiheit
-logisch!- sonst könnte es auch kein Subjekt gesellschaftlicher Verträge
und Inhaber justiziabler Grundrechte sein, von denen nun erkannt werden
kann, daß sie nach Belieben mit Füßen getreten werden,
mit denen jongliert wird und kalkuliert und argumentiert. Das freie Subjekt
wird durch seine Freiheit zum Opfer des Kleingedruckten. Und das Theater?
Eine moralische Anstalt. Die Kultstätte der Lust an der Lüsternheit,
des Rausches und des Taumels, der Magie und der Trance verwandelt in eine
Kanzel, auf der Leben zur Darstellung wird. Auch dort, wo es sich später
so körperlich geben wird, weil ein Artaud vom Theater der Grausamkeit
sprechen muß, um die rationalistischen Schleier niederzureißen,
wird nicht mehr sein als Körpernegation. Der tiefsinnig verdrehte
Blick mit der elegant an die Stirn geschwungenen Hand als Geste des Verstehens.
In ihrer Körperlichen Arbeit, die sie besonders gegen Literatur und
Philosophie betonen, sind Schauspielerinnen und Schauspieler nur darauf
aus, den Körper zu zerrütten. Das Theater zerstört. Alkoholismus
statt Dionysos, Rausch entzaubert, ganz ohne Visionen und ohne tobende
Trance, die Satyre als Handlanger protestantischen Politkalküls: sie
zeigen, was die gerechte Welt hervorzubringen vermag. Ein bürgerliches
Trauerspiel :-(
Doch dann in den Katakomben ein Wort aus einer anderen Welt: Dervisch. Der Muslim gewordene Satyr, hat sich von Dionysos gelöst, als habe er die Sauferei satt. Die Lüsternheit hat er in Lust gewandelt, in Freude, in Tanz, der nicht tobt, der nicht reißt und zerreißt bis die Fetzen fliegen - der Tanz ist ein schwereloses schwebendes Drehen im Kreis schier endlos und entrückt. Der Odem alter Zeiten, alter Geister haucht um den wirbelnden Saum des Dervischmantels und wirbelt selbst auf durch die Luft und schafft eine neue, dialektisch aufgehobene dionysische Atmosphäre. Artauds Raserei gegen den Rechenschieber, gegen die vertrocknete Geste des Lehrer Lämpel - und man fragt sich zurecht, ob der Name von „Lampe“ wie Armleuchter stammt - verwandelt sich im Tanz des Dervischs in eine freundlich ausgebreitete Weltumarmung in Trance, die keine Unterschiede der Geschlechter, Religionen, Schichten kennen will, sondern den Menschen, der bodenverhaftet tanzend sich der Schwerkraft entledigt und einen Höhenflug erreicht nicht mit den Gesten eines flügelschlagenden Vogels, darin wäre zu viel rationalistisches Streben, sondern mit der feenhaften Drehung, die alle Bilder der Schwerkraft überlistet. Der Dervisch ist ein Satyr, der den Weingott freundlich mitnimmt in seinen Sog weg von der Sauferei hin zu einem metaphysischen Rausch. Dieses Theater könnte Lehrer Lämpel den Kopf verdrehen. |
| Zuerst erschienen in: Literatur.geortet: Feuer im Foyer. Literarische Annäherungen an ein Theater, Bochum 2005. |
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