04. Juni 2008

Aus dem Bauch der Sphinx - Rückkehr zur Literatur :-)
Ungelöste Rätsel verschlingen einen - das kennt jeder, der am Computer sitzt und der Rechner nicht so will, wie man selbst. Bis man heraus bekommen hat, woran es liegen könnte und womöglich geschafft hat, den Fehler zu beheben, hat man keine Lust auf andere Dinge, auf die Familie nicht, auf das Abendessen oder das Frühstück nicht, auf nichts und niemanden.
Ich hatte meine Rätsel an anderen Stellen zu lösen, nicht am Computer und nicht in der Literatur. Das literarische Schreiben und Hypertextbasteln konnten mal ganz hinten anstehen. Mir stellten sich Rätsel ganz anderer Art und nahmen mich völlig in Beschlag und weil ich sie nicht zu lösen vermochte, verschlang mich die Sphinx, die für mich eine Frau ist. So ziehe ich das für mich natürliche Geschlecht dem grammatischen vor.
Nun sind die Rätsel gelöst, die Knoten geplatzt, gelassen und ruhig kehre ich wieder um einige Erfahrungen reicher und fast möchte ich sagen, als ein anderer Mensch! zur Literatur zurück - wissend, daß die Wände meines Elfenbeinturms, in dem ich gefangen war, Risse bekommen haben und ich außerdem einen Ausgang gefunden habe, der mich in den Garten führt, wo ich wühlen, Rosen und Klimatiden wachsen sehen und mich an dem selbst eingepflanzten Wein erfreuen kann. Die Sphinx spuckte mich aus, fand mich sozusagen "zum Kotzen" ;-) "Ich werde völlig spießig", kündigte ich den Kindern an. "Ich fange sogar schon an, Blumen zu fotografieren!" Auf der Fahrt zur Schule, mochte dies niemand kommentieren, aber die Gedanken lagen in der Luft: "Ja, Mama, wird dich wohl angesteckt haben!" oder "Was ist spießig?" oder "Soll er doch fotografieren, was er will!" oder "Warum ist Blumen Fotografieren spießig?" Einen Moment lang ein Dschungel von Gedankenbläschen. Natürlich will ich nicht nur Blumen fotografieren. Ich habe eine Lieblingsfigur gefunden, eine Holzschnitzerei: Maria. Und ich habe sie schon in den verschiedensten Kontexten und Positionen fotografiert. Sie macht mir Angst, und ich versuche sie einzufangen. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist. Einen Versuch, sollte ich hier vorstellen. Die ganze Serie, die noch vielleicht kein Ende gefunden hat, muß noch auf sich warten lassen.
Die Nachricht aus dem Büro lautet eigentlich: Ich bin wieder da! Aber so ganz und so richtig weg war ich eben auch dann nicht, als es so etwas wie eine Nachrichtensperre aus dem Büro gab. Mich hatte nach der letzten Meldung aus dem Büro eine Sinnkrise erfasst, die so nicht zum ersten Mal auftrat, mir aber dieses Mal die Lust am Schreiben und an den Dingen, die mit dem Schreiben zu tun haben (Haben sie das wirklich???) endgültig die Lust vergellte. Nein, ich will nicht über alle meine selbst erdachten und für eine gute Idee gehaltenen Baustellen schreiben! Ich WILL sie nicht alle auflisten, verlinken, beschreiben. Ich hatte sogar meinen privaten Arbeitsjournal satt. Nun im Juni des Jahres 2008 sieht alles anders aus. Meine Arbeitsmotivation erstrahlt in neuem Glanz. Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre haben mich eine Menge gelehrt: Schreiben ist nicht alles. Aber Schreiben und Leben schließen sich nicht aus. Andererseits muß ich auch gestehen, daß die Rätsel, die sich mir stellten, schreibend nicht zu lösen waren, obwohl mir meine privaten Logbücher, die ich in meiner Verzweiflung am 20. Juni 2006 begann, eine wichtige Stütze waren. Sie hatten nicht mehr als eine heuristische Funktion, das eigentliche tiefere Verständnis der lebendigen Zusammenhänge erwuchs eben nicht aus der Schrift und aus dem Schreiben. Mein Mißtrauen der Schrift und dem Schreiben gegenüber ist gewachsen und damit kehre ich -wie paradox!- zum Schreiben zurück. Zwischendurch habe ich es mit "Briefen an Wilhelm" versucht.  Aber ich hatte ihm nicht wirklich etwas zu sagen :-(
 
Er hätte nicht begreifen können, was ich mit dem Fotografieren beabsichtige. Und Photoshop wollte ich ihm nicht erklären. Eines hätte ich ihm schon schreiben können, aber es fiel mir, als ich die Briefe schrieb, nicht ein: "Die Krankheit unserer gegenwärtigen Kultur und Gesellschaft, lieber Wilhelm, ist der Rationalismus. Ich weiß nicht, ob Du als Freund der Klassiker diese Meinung so teilen kannst."
Etwas anderes aber finde ich bei Wilhelm von Humboldt viel wichtiger und ergreifender:
Sein Kampf mit dem Rationalismus steht nicht im luftleeren Raum und spielt sich auch nicht mit Argumenten pro und contra im Kopf ab; in diesem Kampf spielt sein Verhältnis zum anderen Geschlecht eine bedeutende Rolle. Schon vor eine Jahrzehnt habe ich es in meinem Labyrinth-Roman geschrieben, Kierkegaard zitiert und natürlich den guten Wilhelm. Wichtig aber ist nicht das Zitieren und das Schreiben, das Fabulieren und Fiktionalisieren! Nein, wichtig ist das Leben. Und dieses läßt sich nicht dem Willen, Worte in Schrift zu produzieren, unterordnen und schon gar nicht darauf reduzieren.
Dennoch bleibt, daß ich mich von dem als Startseitengrafik und Sitemap erstellten Bild nicht ganz lösen kann. Mein Blutzoll an den klassischen deutschen Idealismus ;-)
Nach meiner Wiederkehr aus dem Bauch der Sphinx, nach meines Rätsels Lösung, nach dem geplatzten Knoten stand ich wieder kurz davor, in die Krise zu geraten. Alten Plänen neu zu begegnen, hatte etwas furchtbar Entmutigendes. Die Schreibhaus-Akademie wollte ich weiterentwickeln und hatte das Gefühl, ein gespenstisches Geisterhaus zu betreten. Alte Erinnerungen an Zweifel, Streitereien, unfruchtbare banale Diskussionen und an viel Stress kamen auf und drohten mich zu ersticken. Schnell rannte ich raus, suchte den freien Himmel, den luftigen Aufbruch. Nun muß ich all meinen Mut zusammennehmen und mich in das Gewölbe wagen, die Labyrinthgänge abschreiten und niederreißen, was mir nicht mehr gefällt. Der Bericht des Daidalos wird kurz ausfallen. Meine Lieblingsthemen wollen dennoch platziert sein: das Ödipus-Motiv, der gute Hamlet mit seinen Zweifeln, seiner Feindseligkeit den Frauen gegenüber und mit meinem Verdacht, er könnte auch schwul sein: Yoricks Schädel haltend erinnert er sich an die Küsse und Lippen des Hofnarren, als Hamlet noch ein Knabe war. Wie ungerecht und gemein er Ophelia behandelt! Meine ganze Sympathie galt dieser Liebenden! Im Schreibhaus müßte noch Platz sein für Prometheus oder für Hermes, auch an Antigone ist zu denken. Unzählige literarische Figuren und Motive müßten in das Schreibhaus Einzug halten. Aber die stickige Luft eines Maoseleums muß aus dem Haus.
Gleich nach dem Schreibhaus wandte ich mich der ZERFAHRENHEIT zu; hier erwarteten mich zwar nicht so frustrierende Erinnerungen wie im Schreibhaus, aber mich packte dennoch der Gedanke, die Struktur der Seiten zu ändern. www.uribeulbuel.de hätte eine einfache Webvisitenkarte werden können - verlinkt mit den laufenden oder geplanten Projekten. Doch als ich das eine oder andere Fragment las und mit der Autobiografie des Niklas Hardenberg begann, was ich gerne den Kollegen vom "Schund" zur Verfügung stellen möchte, versöhnte ich mich mit den gegenwärtigen Seiten. Nein, sie bedürfen nicht der radikalen Erneuerung, sondern der kontinuierlichen Weiterentwicklung. So fand ich schließlich auch den Mut, die Nachrichten aus dem Büro wieder aufzunehmen; denn nun gab es etwas zu erzählen. Nur die Zweiteilung des Hypertextprojektes in Philosophie (ÄSTHETIKMUM) und Literatur (ZERFAHRENHEIT) läßt sich nicht aufrechterhalten. Die Hardenberg-Biografie hat mich auf diesen Gedanken gebracht. Aber bevor ich sie im Internet veröffentliche, warte ich die Publikation des "Schund" ab. Ich hoffe, ich konnte etwas zur "Verrückung der Diskurse" beitragen.
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