25. Mai 2006

Aus dem Bauch der Sphinx
Uri Bülbül liest literarische, essayistische und philosophische Texte aus seinem Hypertext-Projekt ZERFAHRENHEIT - Verlinkte Fragmente.
Er arbeitet sich durch Fragen der Erkenntnis und Selbst-Erkenntnis in Phasen der Amnesie und sucht einen roten Faden durch das Rhizomlabyrinth unbenutzter Gedankengänge zu legen. Akademisch gewitzigt ohne Verdummung im dialektischen Ringen mit der Kulturindustrie.

Lesung im TextZentrum Essen
Girardet Haus
Beginn: 8. Juni 2006; 20.00 Uhr
Eintritt: 7€/ ermäßigt 5€


Das ist die erste und für den kommenden Monat die wichtigste Nachricht. Ich hatte auch schon eine andere formuliert und habe sie mit meinem FTP-Programm auf den Server geladen und als verwaiste Datei stehen lassen, weil ich sie gerne noch einmal gelesen hätte, bevor ich sie veröffentliche. Als ich aber am nächsten Tag auf dem Server nachsah, war die Datei nicht mehr da. Irgendetwas muß ich wohl falsch gemacht haben. So verschwinden Daten und Dateien im Nirwana der Digitalität, was ja nun mittlerweile für niemanden mehr ein Novum sein dürfte. Ich war ohnehin unsicher und ganz und gar unentschlossen, ob ich sie in jener Form überhaupt veröffentlichen sollte. Sie war so emotional, daß man sie getrost kitschig nennen konnte. An manchen Stellen hatte ich den Kitsch ironisch durchbrochen, wollte mich aber aus zeitlicher Distanz noch einmal vergewissern, ob das auch wirklich gelungen war oder ich mich täuschte und der Kitsch die Oberhand behielt.

Es ging um zwei gefällte Bäume, auf dem Hof des Schreibhauses, in deren Geäst Eichhörnchen lebten. Im Winter noch kahl war mein Blick auf diese Bäume geheftet, als ich meine letzte Liebes-SMS an meine Lebensgefährtin schrieb, die sich einen Tag später von mir trennte. Sie grünten nun im Mai, und es hätte eine schmerzliche Idylle sein können, wenn die Dinge nicht schon verschmerzt gewesen wären und verwunden, in beste und tatsächliche Freundschaft überführt; und wenn sich nicht eine neue Liebe angebahnt hätte auf eine märchenhafte Art und Weise. Das Glück wollte mich nicht fallen lassen. Es fügte eines zum andern und nur zum Besten, so daß es mir unheimlich  wurde. Gibt es die Selbstorganisation des schönen Lebens? Oder eine ordnende und fügende Hand, übermächtig und warum auch immer mir wohlgesonnen? So konnte der Text, meine Nachricht aus dem Büro kitschig und metaphysisch zugleich werden. Kein Wunder, daß der Server ihn nicht akzeptierte - nicht von einem Agnostiker und Skeptiker, nicht von einem Pragmatiker des Anythinggoes, des analytischen Liberalismus eines späten Wittgensteins mit Sprachspieltheorien. Ein bißchen mehr Distanz zu den gefällten Bäumen konnte nun nicht schaden; die Botschaft interpretierte ich so: "Vergiß die Vergangenheit, schwelge nicht in Melancholie, das Leben geht weiter und gibt dir neue Ansatzpunkte neuen Glücks." Das allerdings muß wietergedacht werden; denn es geht nicht um Glück ohne Preis. Es sind neue Herausforderungen, die auf mich warten, neue Aufgaben, neue Probleme, und damit ich das besser sehen kann, mußten die Bäume aus dem Blickfeld weichen - wenn das keine Metaphysik ist ;-)

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