02. April 2010

Einige meiner besonders wohlmeinenden Freunde sagen: ich solle doch einfach meinen Roman zu ende schreiben. Meine Freundin sagt es auch, aber durchaus mit einer anderen Betonung und Intention: sie sieht, was mich die Kämpfe kosten, und es schmerzt sie. Zurecht fragt sie sich, ob ich es denn nicht leichter und schöner haben könnte.

Ich aber, ich stehe wie unter einem Zwang. Vielleicht bin ich ein Fanatiker. Ich kann nicht anders: ich muß die Windmühlen bestürmern, sie bekämpfen und besiegen. Ich denke, ich bin David, und meine Steinschleuder ist in meiner Phantasie eine geistige Zwille. Ich werde schreiben, ich werde polemisieren und organisieren. Ich werde mich auf Jahresempfängen sehen lassen, wo mich keiner sehen möchte und auch niemand vermutet. Ich werde meine alten Bekannten um mich stöhnen hören und werde sie fragen, ob Ihnen nicht wohl sei. Und manche von ihnen werden sich erdreisten, mich zu beschimpfen. Ich sei ein Großmaul und hätte ihr Projekt an den Rand des Ruins gebracht. Meine Wahrheit wird eine andere sein. Menschen, die intolerant und betrügerisch agieren und angeblich für Soziale Gerechtigkeit und eine bessere Welt stehen und alle Zensur- und politischen Gewaltmittel für sich in Anspruch zu nehmen glauben, werde ich hier und da in kleinere oder größere Nervosität versetzen. Und meine Freundin wird sagen, ich tue ihr leid; ich könne so nichts erreichen und ausrichten.

Aber was soll ich tun? Was, wenn die Mühlen Menschenknochen mahlen? Was, wenn jede Drehung des Mühlrades Opfer kostet und das Zerstörungswerk an Mensch und Demokratie vorantreibt? Ich werde nicht aufhören zu schreiben. Die Kämpfe zermürben mich nicht. Sie gehören zu meinem Leben. Sie wissen schon... wie die Sonne scheinen muß und die Blumen blühen..., so muß ich gegen Windmühlen kämpfen. Klar ist das anstrengend und kostet Kraft. Ein Fußballspieler auf dem Feld muß auch schwitzen und wird das Spielen nicht lassen, weil er nach neunzig bis hundertzwanzig Minuten ermüdet. Solcherlei Metaphern gibt es genug. Das Leben ist gefährlich und endet mit dem Tod. Soll ich deswegen aufhören zu leben und einen Roman schreiben?

So ist es nicht gemeint von meinen wohlmeinenden Freunden. Sie wissen, daß ich einen Roman schreibe und denken, daß er einer klassischen Dramaturgie folgt, daß er einen Anfang hat, einen Höhepunkt und ein Ende. Und wenn dieses Ende erreicht ist, ich dann einen zweiten Roman schreiben könnte.

Dem ist leider nicht so. Kunst ist, was du aus deinem Leben machst! Ich schreibe nicht Romane für die Kulturindustrie, will nicht berühmt und reich werden, will mich nicht auf Buchmessen und Pressekonferenzen verscherbeln lassen, bis man mich vergißt, weil ein anderer berühmter geworden ist.

Ich bin das Gespenst der Tausend Plateaus und verliere mich im Labyrinth der Vernunft. Nachdem ich ein dogmatischer Marxist war, wurde ich ein dogmatischer Postmodernist. Und nun gilt es, den Dogmatismus überhaupt zu überwinden, den Rationalismus, die Schizophrenie zwischen Vernunft und Leben. Da gilt es, noch vielen Dingen den Kampf anzusagen, der Politik, der Gesellschaft, dem Staat, der Unmenschlichkeit, die auch im Namen und unter der Maske des Humanismus Verbrechen begeht - angeblich im Dienste der guten Sache.

Ich habe mich entschlossen, meine Arbeiten zu konzentrieren, Knotenpunkte zu bilden und natürlich meine Produktivität zu erhöhen. Einen Roman wird es nicht geben! Die ZERFAHRENHEIT geht weiter. Im Schreibhaus hält Niklas Hardenberg, der Mann aus dem Hörspiel Der Auftrag Vorlesungen über Rabulistik und Galimathologie; der Archivar des Schreibhauses, Roger Weißhaupt, das Kellerkind, wie er sich nennt, hat sich zu seinem Gegenspieler und Partner gemausert, und ich selbst arbeite nicht nur an den Untersuchungen zur Vermittelbarkeit literarischer Kreativität und suche nach Konzepten, es gibt auch zwei journalistische Publikationen, die Aufmerksamkeit verdienen und erfordern: das Kulturprogramm und das von Clara Jung und mir ins Leben gerufene interkulturelle und schulformübergreifende Jugendmagazin Freestyle-Cocktail. Beide Projekte stehen kurz vor der Erreichung des nächsten Levels. Der April wird's zeigen.
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