| OPHELIA: |
Ich bin tot. Und die feuchte Stille ist die Hölle.
Wie soll ich schmoren? Fischiger Moder. Die schönste Wasserleiche
sagen sie. Rosenduft und Rosmarin. Todesmoschus, sage ich, unbefleckte
Monatsbinden riechen so! Hackfleisch und Wasser und eine Gärzeit von
Monden, in der ich an Hamlet dachte und dachte wie mir geheißen:
Ich bin ein dummes Ding! Wer steht dort so still und steif zwischen den
Wassern? |
| HERMES: |
Zwischen Wand und Tapete, Liebes! Hast du deine Unschuld
noch? Ich würde sie dir gerne stehlen. |
| OPHELIA: |
Ich verschenkte sie mit meiner Geburt! Was tat ich zwischen
den Beinen meiner Mutter? Erblickte ich das Licht der Welt? |
| HERMES: |
So sagt man. |
| OPHELIA: |
Nein! Ich verschenkte meine Unschuld! Ich schrie: Nehmt mich! Ich bin
das dumme Ding! Nennt mich Ophelia! Oh ja! riefen sie. Ein Mädchen!
Wie niedlich! Und meine Mutter schrie auch irgend was. Zum Blumenpflücken
tauge ich und sage meinem Prinzen, er sei spitz! |
| HERMES: |
Ich weiß, ich weiß... |
| OHELIA: |
Warum muß ich die Augen verdrehen? Warum? Gibt es noch einen,
der seinen Felsen rollt? |
| HERMES: |
Steinhaufen, mehr nicht. |
| OPHELIA: |
Am Wegesrand Scherben - ich wollte den Sinn so guter Lehr' bewahren
als Wächter meiner Brust. Verschlossen im Gedächtnis und den
Schlüssel in Bruderhand. Titten - mehr nicht! |
| HERMES: |
Ich weiß, ich weiß... Und wolltest gehorchen und lobtest
in deiner Verzweiflung den Prinzen als des Staates Blum' und Hoffnung.
Braves Mädchen! |
| OPHELIA: |
Und nun? |
| HERMES: |
Und nun? |
| OPHELIA: |
War er nicht verrückt vor Liebe? Er griff mich bei der Hand und
hielt mich fest, fest und seufzte ein Todesseufzen, das Ende seufzte er.
Habe ich Gelegenheit, alles zu bedenken? |
| HERMES: |
Von mir aus, bedenke so viel du willst. |
| OPHELIA: |
Wozu? |
| HERMES: |
Siehst du? Du bist ein helles Mädchen! Warum denn nicht früher
so? |
| OPHELIA: |
Da dienten meine Hügel nur anderen zur Orientierung! Und nun höre
ich ein leises Plätschern und Knarren. Da rudert jemand... Aber nichts
regt sich! |
| HERMES: |
Ziehst du deine Schlüsse daraus? |
| OPHELIA: |
Habe ich denn eine Chance? |
| HERMES: |
Nein. Ich glaube, du willst es nicht wahrhaben. Ich kenne die Hoffnung:
Begreifen! Einfach nur noch einmal begreifen! Wenn man einmal nur den Grund
wüßte, wenn man nur sagen könnte, warum! Aber es macht
nichts Erträglicher! |
| OPHELIA: |
Du lügst! Du bist nur ein schwarzes Nichts, ein sprechendes Vakuum!
Wispern zwischen den Wassermolekülen - nicht einmal Algen gibt es
hier! Hamlet wandte sich ab von mir! Er schwor mir seine Liebe, seine ewige
Liebe, seine verbriefte Liebe! Ich hielt das Papier zwischen den Fingern
und ... |
| HERMES: |
Und? |
| OPHELIA: |
Und übergab den Brief meinem Vater! |
| HERMES: |
Braves Mädchen! Ich weiß nicht, Vater, was ich denken soll?
So hört's denn: denkt, Ihr seid ein dummes Ding... |
| OPHELIA: |
Gibt es keine Freundschaft in der Liebe? Freundschaft wie zwischen
zwei Freunden? Unzertrennliche Freundschaft? Zwei Hand in Hand gegen die
Welt? Zwei rudernd in einem Boot? |
| HERMES: |
Dann bin ich dein Freund. |
| OPHELIA: |
Bist du es denn? |
| HERMES: |
Immer noch das Dummchen? Natürlich nicht! |
| OPHELIA: |
Was? Bist du mehr als ein Bote nicht? Ziehen meine Hügel nur Nattern
an? |
| HERMES: |
Ich bin ein Überbringer, wenn du so willst. Aber machen wir kein
Rätsel daraus! Nachher glaubst du noch an eine Lösung. |
| OPHELIA: |
Meine Lippen sind trocken, ich feuchte sie mit meiner Zunge an, mein
Magen knurrt. Horch! Komm, leg deinen Kopf in meinen Schoß, leg deine
Hände auf meine Schenkel, komm! |
| HERMES: |
Hunger? Durst? Du? |
| OPHELIA: |
Warum muß es so dunkel sein? |
| HERMES: |
Wäre dir grelles Licht lieber? Mir ist es egal. |
| OPHELIA: |
Hamlet? Bist du es? Warum hast du mich von dir gestoßen? Warum
hast du meinen Vater ermordet? Warum hast du seine Leiche durch das Schloss
gezerrt wie Kadaver? Warst du nicht ein Prinz, der mich umwarb, als du
mit deiner Liebe in mich drangst? Inwendig habe ich deine Worte in mich
eingebrannt:
Zweifle an der Sonne Klarheit,
Zweifle an der Sterne Licht,
Zweifl', ob lügen kann die Wahrheit,
Nur an meiner Liebe nicht.
|
| HERMES: |
O liebe Ophelia, es gelingt mir schlecht mit dem Silbenmaße;
ich besitze die Kunst nicht, meine Seufzer zu messen, aber dass ich Dich
bestens liebe, o Allerbeste, das glaube mir. |
| OPHELIA: |
Leb wohl.
Der Deinige auf ewig, teuerstes Fräulein,
solange diese Maschine ihm zugehört.
Hamlet.
Hamlet? Bist du's? |
| HERMES: |
Schwachsinn! Natürlich nicht! |
| OPHELIA: |
Ich übergab den Brief treu meinem Vater und dieser treu dem König. |
| HERMES: |
Ich weiß, ich weiß... War das womöglich, was sie Kadavergehorsam
nennen? |
| OPHELIA: |
So haben sie nun mein Kadaver! Die Maschine schweigt, die Zeit läuft
nicht mehr. Der Takt ist abgegeben, der Rhythmus schwarz! |
| HERMES: |
Der Rest ist Schweigen, ich weiß, ich weiß, das letzte
Wort habe ich! |