Herakles fand Hephaistos wie immer in seinem Labor. »Ich bin
gleich fertig«, murmelte er, ohne aufzublicken. Herakles betrachtete
die Apparate, die ihm nichts sagten. Zahlen, Anzeigen, blinkende oder einfach
leuchtende Lichtchen, Signallämpchen, Reagenzgläser, mehrere
Computerbildschirme, ein Laptop. Heph schien ganz in seine Arbeit vertieft,
aber Herakles hielt es nach wie vor für eine ziemlich gute Idee, hergekommen
zu sein, obwohl er eigentlich nicht genau wußte, was er wollte. Unschlüssig
ließ er seinen Blick über die Utensilien gleiten. Sie verwirrten
ihn. Je länger die Stille dauerte, in der nur ein undefinierbares
Surren zu hören war, desto unsicherer wurde Herakles und begann seinen
Entschluß zu bezweifeln. »Soll ich später wiederkommen?«
fragte er. »Nein, nein, bleib nur. Ich bin gleich fertig.«
Der Rollstuhl fuhr heftig herum. »Komm, laß uns ins Büro
gehen. Hier ist es ungemütlich.« Herakles schmunzelte: »Ja,
laß es uns richtig gemütlich machen - so zwischen Bücher-
und Papierstapel.« »Soll ich Dite bitten, uns einen Tee zu
machen?« »Nichts dagegen. Ich nehme Orangenblüten.«
Kurze Zeit später schwebte Aphrodite wie eine zarte Nymphe durch den
Raum. Jedes Staubkörnchen schien verzaubert zum Leben zu erwachen.
Mit einem leisen Hauch von Lächeln um die Lippen brachte sie den Tee.
Herakles Gedanken hingen Minuten später noch ihr nach. Hephaistos
sah ihn prüfend an. Er wußte, daß sein Freund weder wegen
der Schönheit seiner Frau noch zum Teetrinken gekommen war, obwohl
er noch gar nicht ahnen konnte, was Herakles von ihm wollte.
Hephaistos genoss seinen Tee und wartete. »Ganz
schön langweilig«, sagte Herakles und erntete verständnislose
Blicke. »Du hast es gut. Du hast deine Wissenschaft, deine Forschungen,
Berechnungen, Konstruktionen, Experimente, Berichte, Tagungen…« »Andere
beneiden mich um meine Frau«, unterbrach er Herakles. Nun sah er
verständnislos aus der Wäsche. »Interessierst du dich für
meine Arbeit?« Herakles schüttelte den Kopf: »Nein, wenn,
für die Ergebnisse.« Der Hüne grinste, wußte aber
sofort, daß es unangemessen war. Er würde einen wunden Punkt
bei Heph treffen, aber er konnte auch nicht länger um den heißen
Brei reden. »Mich interessiert eine alte Geschichte, und du kommst
auch darin vor.« Hephaistos schenkte sich eine zweite Tasse Tee ein,
mit dessen Duft er schon fast Dite in sich einsog. Er ließ den Löffel
sanft in die Tasse gleiten und rührte um, ohne den Porzellanboden
zu berühren. »Siehst du, wenn einem so langweilig ist - und
mir ist verdammt langweilig! - dann fängt man an, sich Fragen zu stellen
und mit der Vergangenheit zu beschäftigen, dann war dies und jenes,
sagt man sich und da tauchen auch Fragen auf.« »Nach dem Sinn
des Lebens vielleicht?« unterbrach Hephaistos ihn. »Bist du
unter die Philosophen gegangen?« »Philosophen?« fragte
Herakles. Über so viel Unbildung konnte Hephaistos nur den Kopf schütteln.
»Philosophen«, murmelte Herakles aus dem Konzept gebracht.
»Sag schon, was du willst!« befahl Hephaistos. »Ich will
wissen, ob ihr befreundet wart - damals!« Hephaistos verstand Herakles
immer noch nicht. »Wer soll befreundet gewesen sein?« »Na
der Schlaumeier
und du!«
Hephaistos wollte wieder scherzen, der einzige Schlaumeier
sei wohl er selbst, aber plötzlich ergriff ihn Unruhe. »Was?
Wer?« »Du weißt schon… du hast… du hast…« Herakles
wollte es nicht aussprechen. Er schwieg und sah, wie sein Gegenüber
die Tasse aus der Hand legte. »Warum interessiert dich das? Kannst
du dir nicht ein anderes Spielfeld suchen, wenn es dir langweilig ist?
Betrüge Hebe, starte ein paar Affären! Misch dich unter die Sterblichen,
mach was Vater macht, wenn es einem langweilig wird. Aber laß mich
damit in Ruhe!« »Hey, Bruder! Keine Panik! Man wird doch mal
fragen dürfen!« »Nein!« »Wo hast du ihn angekettet?«
Heph machte einen Satz in seinem Rollstuhl. Herakles wurde allmählich
wütend: »Du forschst hier in aller Seelenruhe, während
er irgendwo da draußen hängt und gefoltert wird?« »Er
wird nicht gefoltert!« rief Hephaistos wutentbrannt. Herakles wurde
wieder ein wenig ruhiger und unsicherer. Er musterte seinen Halbbruder.
»Hebe sagt, er wird gefoltert«, sagte er leise. »Verdammt!
Dann frag doch Hebe! Was kommst du damit zu mir?« Nun war sich Herakles
sicher, richtig gehandelt zu haben. »Ich komme, weil Hebe es richtig
findet. Sie sagt, er hat es verdient. Das ist doch Unsinn, oder? So etwas
kann man nicht verdient haben, oder?« »Ich weiß nichts
von Folter! Was quatschst du auch mit Hebe über so etwas!« »Gerade
hast du noch gesagt, ich soll Hebe fragen!« »Wenn sie alles
besser weiß!« Sie schwiegen eine kleine Weile und Hephaistos
wollte die Chance nutzen, das Thema zu wechseln: »Bereitet sich Hebe
auf das große Fest vor?« Das war nicht das richtige Thema für
Herakles. »Ja, das ist ihr ganzer Lebensinhalt. Ich kann es nicht
mehr mitansehen! Weißt du, was ich machen werde? Ich werde mich mal
umschauen. Kann ja nicht schaden, nicht wahr?« »Wo willst du
dich umschauen? Im Kaukasus?« Hephaistos biss sich auf die Lippe,
aber es war zu spät. Nun wußte Herakles, was er wissen wollte.
»Im Kaukasus? Ja, warum nicht im Kaukasus! Ich kann das große
Fest nicht mehr sehen, ich kann Hebes wichtige Nase nicht mehr sehen. Ich
brauche ein bißchen frische Luft!« Nach diesen Worten blieb
Herakles nicht mehr lange. Hephaistos wußte, daß es kaum Sinn
hatte, ihn davon überzeugen zu wollen, vom Kaukasus fern zu bleiben.
Herakles verabschiedete sich freundlich von Dite und machte sich auf den Weg.
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