Hebe war wie im Fieber - völlig aufgelöst.
Die Gästeliste wurde nun zum zigten Mal überprüft und durchgegangen - leider nicht
kommentarlos. Poseidon und die Gefolgschaft beispielsweise: «Die Nymphen - etwas
glitschig, nicht wahr? Transparent und luftig, so hauchzart, aber nicht zu fassen.
Und in ihrer permanenten Fröhlichkeit unheimlich und undurchsichtig. Ja, irgendwie
undurchsichtig. Ich meine: psychisch undurchsichtig, verstehst du? Die fünfzig gläsernen
Weiber tanzen, spielen und lachen die ganze Zeit. Furchtbar! Und dann gesellen sich
zu denen auch noch die anderen Nymphen, die aus den Wäldern und Bachläufen. Eine ganz
seltsame Bande ist das!» Und so weiter und so fort. Und dann die Frage: «Hörst du mir
überhaupt zu?» Aber auch dabei kann sie es nicht bewenden lassen, sondern stochert und
stichelt gleich wild drauf los: «Oder träumst du wieder von dieser sterblichen
Schlampe, die von Nessos genagelt wurde?»
«Ich mag nicht, wenn du so von Deianeira sprichst. Sie ist tot und gehört der
Vergangenheit an. Fertig. Mehr ist da nicht! Warum kannst du meine Vergangenheit
nicht ein bißchen respektieren?»
«Ach, nun kommt diese Leier!» stöhnte Hebe. «Also dürfen die Nereiden nicht fehlen.
Natürlich stehen sie auf der Gästeliste! Wie es sich gehört. Wirst du dich mit ihnen
wieder stundenlang über Nessos unterhalten und erzählen, wie du ihn mit einem
Pfeil erlegt hast.» Herakles antwortete nicht. «Herakles? Herakles! Was machst du?
Willst du schon wieder weg? Willst du dich gar nicht um die Gästeliste kümmern?»
«Ich will einen kleinen Ausflug machen. Einen kleinen Spaziergang», antwortete er schon
im Gehen, «Zur Geburtstagsfeier des Olymp bin ich selbstverständlich rechtzeitig
zurück. Wir müssen das Bestehen der Neuen Ordnung auf jeden Fall gebührend feiern.»
Er drückte seiner Frau einen flüchtigen Kuß auf den Mund, die sich ihm eigentlich in
den Weg stellen wollte.
«Du bist wirklich keine große Hilfe», sagte sie, aber er hörte es kaum. Für einen
Spaziergänger vielzu entschlossen verschwand er in Windeseile.
Hebe blieb mit ihren Gedanken und Fragen allein zurück. Sie verstand ihn nicht.
Trauerte er wirklich noch immer seiner großen sterblichen Liebe nach? Eine ganze Zeitlang
hatte sie das Gefühl, daß sie miteinander glücklich waren. Aber schon seit einer
geraumen Weile war dieses Gefühl hinter vielen Fragezeichen und Stimmungsschwankungen
verschwunden. Wenn sie ihn fragte, erhielt sie keine befriedigende Antwort.
Immer nur Ausweichmanöver, hatte sie das Gefühl. Seine Leidenschaft drohte Routine
zu werden. Das spürte sie. Oder bildete sie sich das nur ein? Schließlich konnte sie
viel Wärme in ihm wieder finden. Selbst in diesem letzten flüchtigen Abschiedskuß
steckte etwas von dem, was sie heiß und innig liebte und begehrte. Aber es war nicht
genug - so viel stand fest! Man sagte, die Sterblichen würden ewig lieben, nur nicht
ewig leben. Und sie würden sich unsterblich verlieben. War das zwischen Deianeira
und Herakles so eine ewige Liebe? Nur daß Herakles nun auch die Unsterblichkeit
verliehen bekommen hatte?! Nun konnte Herakles in der Tat ewig lieben! Aber
seine große letzte Liebe auf Erden, die von dem Zentauren Nessos vergewaltige letzte
Ehefrau des Herakles, des größten Helden aller Zeiten, diese sterbliche Deianeira
war tot, tot, tot! Es gab sie nicht mehr. Und doch gab es sie noch! Sie stand nun
zwischen ihr und ihrem Mann. Sie, die Göttin Hebe, die Bewohnerin des Olymp von
Anfang an, sie war nun die Ehefrau des Herakles! Wie konnte diese tote Tussi es wagen,
sich zwischen sie und ihrem Mann zu stellen? Nein, sie mußte nichts wagen, sie
war einfach tot - tot und doch nicht tot! Den nächsten Gedanken wollte Hebe nicht
denken. Aber er drängte sich ihr auf: Deianeira lebte in Herakles weiter. Nun war
die sterbliche Liebe ewig geworden, weil Herakles unsterblich geworden war. Weil
Herakles nicht verging, verging auch die Liebe zwischen Deianeira und Herakles nicht!
Nur weil Herakles nicht verging, verging die Liebe nicht, verging Deianeira nicht.
Deianeira verging nicht, weil Herakles lebte.
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